MICHAIL
KRAUSNICK
Geb.
1943 in Berlin, aufgewachsen in Hannover,
lebt
als
freier Autor bei Heidelberg. Satiren,
ScienceFiction, Hörspiele, Film- und
Fernsehdrehbücher, Theaterstücke,
historische Sachbücher und Biographien,
Gedichte
und Geschichten für Kinder und junge Menschen.
Kabarettautor
für
"Kom(m)ödchen", "Deutscher Michel", "Stachelbären",
Thomas Freitag u.a.; Mitglied
in
KOGGE, P.E.N. und VS
Deutscher
Jugendliteraturpreis 1991 für
"Die eiserne Lerche".
Auswahlliste
Dt. Jugendliteraturpreis 1984; Auswahlliste
Gustav Heinemann-
Friedenspreis 1984
u. 1991; Friedenspreis
der Friedenstage
Kirchheimbolanden
(mit
der Sinti-Geschichtswerkstatt); Louise
Zimmermann-Preis 1998;
Wildweibchenpreis,
Reichelsheim 1999;
Wilhelm-Zimmermann-Preis 2003;
Drehbuchprämie des
BMI 1977; Nominierung
Adolf-Grimme-Preis
1995
u.
CIVIS-Fernsehpreis
der ARD (Buch u.
Regie).
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Veröffentlichungen:
HAST
DU WAS, DANN BIST
DU WAS, Die Methoden der Werbung,
Ton-Dia-Serie, Deutsches Jugendschriftenwerk, Frankfurt 1964;
Paul Heyse u. d. Münchener Dichterkreis, Diss. phil.,
Bouvier 1974;
Die Paracana-Affäre, SF-Erzählung, Arena 1975;
Deutschlands Wilder Westen, Vom Räuberleben in deutschen Landen,
Arena 1977;
Beruf: Räuber, Rowohlt 1978; Beltz u. Gelberg 1990;
Wellhöfer 2009;
Von Räubern und Gendarmen, Sachbuch, Arena 1978;
Im Schatten der Wolke, SF-Roman, München 1980, edition durchblick
2011;
Die Zigeuner sind da, Sinti und Roma zwischen
Gestern und Heute,
Arena 1981;
"Für die biste doch der letzte
Dreck!",
Jugendliche in einer Obdachlosen-
siedlung (mit Jürgen
Enders), Rowohlt 1982;
Lautlos kommt der Tod, SF-Roman, München 1982;
Hungrig! - Jack London, Beltz&Gelberg
1984;
Die Sache Mensch, Satiren, Rowohlt 1985;
Der Liebesverweigerer, Ravensburger 1987;
BAPF, Texte für Kinder, Boje 1988;
Die Eiserne Lerche, Georg Herwegh, Dichter
und
Rebell, Signal 1990,
Beltz und Gelberg
1993;
Abfahrt: Karlsruhe, Die Deportation der Karlsruher Sinti und Roma, Karlsruhe
1990;
Stichworte, Satiren, Lieder und Gedichte,
Alkyon 1990;
Verschüsselt und verkabelt,
Bleicher 1991;
Die Überlebenden sind die Ausnahme, Der Völkermord an
Sinti und Roma,
Ausstellung &Katalog(zusammen mit Anita Awosusi),
Landau 1992;
Der Räuberlehrling, Beltz&Gelberg,
1993;
Der Ritter Ulrich, Bertelsmann 1993; edition durchblick 2007;
"Wo sind sie hingekommen?" Der Völkermord an den Sinti und Roma,
Bleicher 1994;
Johann Georg August Wirth, Vorkämpfer
für Einheit,
Recht und Freiheit, Quadriga 1977, Wellhöfer 2011;
Der Hauptgewinn, oder: Bären für die Ketchupboys, elefanten
press 1998; bertelsmann 2000;
die schatzkiste 2006;
Emma Herwegh - Nicht Magd mit den
Knechten,
Marbacher Magazin 1998;
Al Capone im deutschen Wald, edition
durchblick 1999; Der Pfälzer Al Capone, Wellhöfer 2009;
Der Wanderkuss, Gereimtes und Ungereimtes für junge Leser ab
Sechs,
edition durchblick 2000;
"Auf Wiedersehen im Himmel!" - Die Geschichte der Angela
Reinhardt,
elefanten press 2001, arena 2005, Weltbild
2005;
Pausenliebe, Geschichten und Gedichte für junge Leser, edition
durchblick 2002;
Gegen Satz & Wider Wort, Satiren, Lieder, Gedichte, edition
durchblick, 2003 u. 2011;
Matthias
Erzberger,
Konkursverwalter des Kaiserreichs und Wegbereiter der Demokratie
(mit Günter Randecker),
reihe rhein-neckar-brücke,
Bd. 2, 2005;
Jack London, biographisches
Porträt, dtv, 2006;
Elses Geschichte. Ein
Mädchen überlebt Auschwitz, Sauerländer 2007;
Von Antiziganismus bis Zigeunermärchen (mit Daniel
Strauß), edition durchblick, 2008,
Von Abschiebung bis Zigeunermärchen (Neuausgabe), editiion bod
2012;
Geliebter Klon, SF-Geschichten, edition durchblick 2009;
Behinderung: wer behindert wen?, edition menschenrechte, horlemann
2009;
Gottfried August Bürger, Die Geschichte meiner unglückseligen
Ehe, edition durchblick 2010;
Du bist mir so unendlich lieb, Briefwechsel Clara Wieck, Schumann u.
Brahms, Wellhöfer 2010;
Denn Du bist mein Liebstes auf der Welt, Briefe Goethe und Christiane,
Wellhöfer 2011;
Rose Grandisson - Gefangen in Heidelberg, Wellhöfer 2011
Theaterstücke:
Beruf:
Räuber, Bad.
Landesbühne, 1979
Die Sinti-Revue, Bad. Landesbühne,
1985;
Lustig ist das Zigeunerleben?, Sandkorn
Karlsruhe
1988
Emma H., oder: Vom Traum der deutschen Republik,
Bad. Staatstheater Karlsruhe 1998;
Carl und Caroline, oder: Nichts als Legenden, ein Spiel
zum 300. Geburtstag der Stadt Karlsruhe, Juni 2001.
Filme:
Grandison, dt./frz.
Spielfilm (Buch), 1979
Das letzte Lied des Räubers Mannefriedrich
(Buch
und Regie), SR 1982;
Auf Wiedersehen im Himmel, Die Sinti-Kinder
von
der St. Josefspflege,
(Buch und Regie) SWF 1994;
Herweghs verfluchtes Weib (Buch
und Regie),
SWF1998.
Fernsehen
(Drehbücher u. Filmbeiträge)
Wer
dreimal lügt,
Schatzkammer, Hierzuland, Auf Ihren Wunsch,
Mit Schraubstock und Geige, Geschichtspunkte
(Ritterzeit/Räuberzeit),
Die Abenteuer des Ritters Ullrich von Weissenberg, Der
Räuberlehrling,
Mix, Locker vom Hocker, Extratour, Medienkunde für
Anfänger,
Briefwechselserie (Goethe/Christiane, Bürger/Elise Hahn,
Schumann/Clara Wieck, Brahms/Clara Schumann, Lessing/Eva König,
Arthur Schnitzler/Adele Sandrock)...
Hörspiele:
Der Fall Kovac.
SF-Hörspiel nach der
Erzählung »Leben ohne Ende«
von Howard Fast. SDR-HD 1970;
Der tödliche Rücken. Satirische Biographie nach der
Erzählung
»Westcottes Glanz und Ende«
von Wolfgang
Hildesheimer.
Hörspielbearbeitung. SDR-HD 1970;
Die Friedenswaffe. SF-Hörspiel. SDR-HD-Unterhaltung. 1972;
Wunschkonzert. Eine absurde Collage. SDR-HD-Unterhaltung
u. HR 1973;
Love-stories. Liebe macht dick.
Collage.
SDR-HD-Unterhaltung. HR;
Nachrichten. Collage. SDR-HD-Unterhaltung. HR;
Das Heidelberger Blutgericht. Vom Ende der Hölzerlipsbande.
SDR-HD-Unterhaltung;
Nur sterben ist schöner. Science-Fiction-Spiel nach der
gleichnamigen
Erzählung von J. T. Macintosh. SF. SDR. 1973;
Die Aufnahmeprüfung. Ein Science-Fiction-Spiel.
SF. SDR.
1974;
Pentakinin, Science-Fiction als
Radiospiel.
Zusammen mit
Dr. Reimar Rudolph. SDR. 1974;
Gottlieb Theodor Pilz. Der große Dämpfer. Nach Wolfgang
Hildesheimer.
SDR-Unterhaltung. HR;
Spitzelgeschichte. Satirisches SF-Hörspiel nach der
Erzählung
von Robert Sheckley.
SDR-HD-Unterhaltung;
Der Heiligenschein, Fantasy-Hörspiel nach einer Erzählung
von Curt Siodmak, SDR, Heidelberg;
Der Liebesverweigerer. Eine Science-Fiction-Satire.
BR;
Die PI-Story. Hörspiel nach einer Erzählung von Curt Siodmak.
SF, HD-Unterhaltung;
Tod ohne Ende. Science-Fiction-Hörspiel nach der Erzählung
»Biohasard« von Konrad Fialkowski.
SF. SDR. 1975;
Letzte Liebe, SF-Hörspiel. SF. SDR. HD. 1986;
Und wenn sie nicht gestorben sind. SF als Radiospiel. SDR HD 1988;
Die Hysterisis-Schleife -
Hörspielfassung der
gleichnamigen Erzählung
von Ilja Warschawski. SF. SDR. 1976;
Feindliche Pflanzen. Nach der Erzählung »Proxima Centauri«
von Murray Leinster (1935). SF. SDR;
Planziel Genie. Hörspiel nach der Erzählung
»Geschichte ohne Held«
von Ilja Warschawski. SDR. SF. 1987;
Das Lord-Byron-Projekt. Nach dem Roman
»Unterhaltungen mit
Lord Byron über das Widernatürliche, 164 Jahre nach dem
Tod seiner
Lordschaft« von Amanda Prantera.
SF. SDR 1991;
»Eine ganz raffinierte Person« - der Fall Maria K.,
Dokumentarisches
Hörspiel nach den Akten des Sondergerichts Mannheim. WDR 1992;
Wo
sind sie
hingekommen? – Die Zigeunerkinder von
Mulfingen, Feature,
SWR
2002;
Matthias Erzberger
- Konkursverwalter
des Kaiserreichs und Wegbereiter der Demokratie,
Feature, SWR 2004.
Funkbeiträge
in:
Heidelberger
Palette,
Fröhliche/Lyrische Morgenstunde, Radio-Gazette,
Auf los geht's los, Pop am Morgen, Zeitbrille, Heisse
Sachen,
Blitzableiter (alle SDR), Fantasie in Plüsch, Funk für
Fans (HR)
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Michail Krausnick / edition durchblick
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LESEPROBE
Sprechende Titel
Ja, also in der Vorweihnachtszeit, so etwa am 24. Dezember vormittags,
da überwinde ich dann ja geschenkehalber schon mal meine
Schwellenangst
und wage mich in die heiligen Hallen einer Buchhandlung.
Zu diesem Zeitpunkt hat man nämlich die größten
Chancen,
etwas wirklich Gutes zu bekommen.
Die schlechten Bücher, also die Bestseller, sind fast alle schon
ausverkauft,
die Paletten abgeräumt, die Spreu vom Weizen getrennt. Und das
Gute liegt so nah.
Jetzt kaufen nur noch Nachzügler, oft mit einem Zettel in der
Hand,
auf dem ein merkwürdiger, aber schwer zu merkender Buchtitel steht.
Also, wie gesagt, ich genieße das: die geleerten Regale, die
Bestsellerfreiheit,
die genervten Buchhändler, und alle die komischen Stadtneurotiker,
die sich nur unter Zwang entscheiden können, und kurz vor
Ladenschluss
dann doch noch last-minute ein Buch buchen möchten oder
müssen.
Den Titel stottert er (oder sie) dann der Verkäuferin vor. Meist
vergeblich,
denn an diesem Heiligen Tag,
in dieser Stunde herrscht Bestsellerfreiheit, High Noon,12 Uhr mittags.
Zum Beispiel, ist schon ein paar Jahre her, da stand ich direkt
daneben,
als sich eine junge Frau einen Buch von Gaby Hauptmann wünschte.
Sie war, mit Susanne Fröhl-ich zu sprechen, ein wenig moppel-ich
beziehungsweise trächt-ich. Mit anderen Worten hoch-,
um nicht zu sagen allerhöchst schwanger.
Und auf die Frage der Buchhändlerin: “Ja bitte, Sie
wünschen...?”,
schob sie ihren Bauch vor die Theke und nannte einfach nur den Titel:
“Suche impotenten Mann fürs Leben!”
Die Buchhändlerin erstarrte angesichts der schwellenden
Leibesfrucht,
hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund, und stammelte:
“Zu spät!”
“Wie zu spät?”
“Alle schon weg! Aber... Eva Heller hätte ich noch:
“Beim nächsten Mann wird alles anders!”
“Nein danke, das habe ich schon.”
Tante Else zum Beispiel, liebte diese lebenshelfenden Bücher sehr,
und vor allem diejenigen, deren Titel so vielsagend sind,
dass man sie gar nicht erst lesen muss.
Im Titel ist alles drin. Aktion Lebenshilfe, wie gesagt.
Und Bestseller, selbstverständlich.
Tante Else kaufte ständig diese schlauen Bücher. “Wenn Frauen
zu sehr lieben”,
“Frieden ist machbar!”, “Warum Männer nur selten, und Frauen so
oft...”,
“Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall
hin!”,
“Du kannst mich einfach nicht verstehen”,“Liebe ist nur ein Wort”,
“Lerne klagen, ohne zu lachen!”, “Simplify your life!”- “Versimple Dein
Leben!” -
oder: “Passen Sie gut auf sich auf!” von Pastor Fliege.
Je nach Besuch und Stimmungslage legte oder stellte Tante Else diese
Bücher
dann so ins Blickfeld, dass der jeweilige Gast gleich am
Rätseln war,
was wohl gerade mit ihr los war.
Und was sie damit sagen wollte. Meistens war es “Sorge dich nicht -
lebe!”,
dieser amerikanische Dauerbrenner, mit dem sie ihre allzeit bereite,
hochsensible,
aber durchaus optimistische Grundhaltung schon mal im Vorfeld
signalisierte.
Mehr ein Zufall war es allerdings, dass an jenem Tag, an dem Tante Else
das Zeitliche segnete, ein Buch von Hape Kerkeling auf ihrem Nachttisch
lag:
“Ich bin dann mal weg!” Nun ja.
Mit bestimmten Buchtiteln sollte man sowieso - nicht nur in der
Vorweihnachtszeit -
vorsichtig sein, am besten gar nicht erst aussprechen,
sondern einfach einen Zettel vorzeigen.
Statt die Buchhändlerin nach der Enkeltochter der Wanderhure zu
fragen, oder,
ob sie Feuchtgebiete habe - und damit vielleicht eine Ohrfeige zu
riskieren.
Es kann ja auch sein, dass man, habe ich selbst erlebt, vor allen
Kunden blamiert wird.
Ist schon etwas her, aber auch zur Weihnachtszeit. Wahrscheinlich
kennen Sie ja
die wunderbaren Comics von Walter Moers vom Käptn Blaubart und dem
kleinen...
Punkt. Punkt. Pünktchen.
Also ich war es ja nicht, aber ein Freund, der das Buch noch in
allerletzter Minute
als Weihnachtsgeschenk erwerben wollte. Also wir waren so am Reden,
plötzlich kommt die bildhübsche Verkäuferin auf uns zu
und schon ging es los mit
“Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie was Bestimmtes? Haben sie einen
Wunsch?”,
und mein Freund ist so perplex, geht mit ihr an die Verkaufstheke,
kriegt kaum noch den Titel zusammen, sagt es dann doch,
und plötzlich schreit die Schöne durch den ganzen Raum:
“Sabine, hier ist ein Kunde, der ein Kleines Arschloch will, haben wir
das noch?
Darauf die Antwort aus der hintersten Ecke, fast schon gebrüllt:
Nein, Arschloch ist aus!
Aber die liebenswürdige Verkäuferin gibt nicht auf: Warten
Sie mal!
Vielleicht doch, weil Sie es sind. Und schon schallt es über die
Sprechanlage:
Kleines Arschloch,
Ist noch ein Arschloch im Lager?//
Was? Wie bitte?//
Ob Du ein Kleines Arschloch hast?
Und nach langem Hin und her, endlich die frohe Botschaft: ich hab
eins!//
Oh ja, danke, Sven, also bitte, wer war das noch mal mit dem
kleinen..., wer wollte ein....???
Nun ja, fröhliche Weihnachten!
Mein Freund hatte bereits fluchtartig den Buchladen verlassen.
***
DAS BUCH IN DER KRISE
Auch bei uns Schriftstellern
fordert die Wirtschaftskrise ihre Opfer.
Auch wir sind ja, mit Schiller
im Schillerjahr zu sprechen, unter die „Räuber“
und Bankster gefallen, wissen was die „Glocke“ geschlagen hat, nagen am
Hungertuch
und brauchen zumindest eine „Bürgschaft“.
Und deshalb, spätestens
auf der Buchmesse wird die Kanzlerin edelhilfreichundgut wie immer
verkünden, welche Rettungsmaßnahmen sie und Kollegin Schavan
sich für die Buchindustrie
ausgedacht haben. Um dem Buchmarkt wieder auf die Beine zu helfen,
wird der Bundestag - rechtzeitig wie immer - ein Nothilfeprogramm
für Not leidende
Schriftsteller, Buchhändler, Verleger und Konzerne
beschließen:
eine Abwrackprämie für marode Bücher.
Also bringen Sie einfach ihren
muffig riechenden, vergilbten Papier-Schrott
zur Buchmesse mit, liefern Sie das abgenutzte Literaturgut
draußen vor der Tür
am Schredder ab und lassen Sie sich Ihre Abwrackprämie für
den Neukauf errechnen.
Beispielsweise können Sie 20 Romane von Martin Walser, sofern sie
über 10 Jahre alt sind,
gegen eine blitzsaubere Neuerscheinung von einem meiner Kollegen,
oder sogar von mir, eintauschen.
Liebe Literaturfreunde, Sie
ahnen natürlich, welch heilsame Wirkung das haben wird:
Verschlankung geistiger Überkapazitäten, Befreiung von
literarischen Altlasten,
Förderung hoffnungsvoller junger Talente und und und...
Und selbst die Grünen hätten bestimmt nichts dagegen:
müllgetrennte Altpapierentsorgung,
umweltfreundliches Recycling. Regen- und andere Wälder
könnten stehen bleiben. Sicher ist
der Abbau traditioneller Bücherhalden nur ein erster Schritt zur
literarischen Wiederbelebung.
Aber es kommt noch besser.
Zu Weihnachten folgt die Abwrackprämie II.
Rechtzeitig
zum Fest kann sich der fortgeschrittene
Literaturfreund mit staatlicher Stütze -
alt gegen neu - ein funkelnagelneues "Kindle", einen Elektroreader
ertauschen.
Gegen eine 200 Jahre alte
Schiller-Gesamtausgabe zum Beispiel.
Werfen Sie die 26
Bände einfach am Eingang Ihrer Buchhandelskettenfiliale
in den Reißwolf, und schon wird Ihnen eine bildhübsche
Hostess von Ichbindochnichtblöd
das neue Lesegerät überreichen.
In Amerika (du hast es besser) war das bereits im letzten
Weihnachtsgeschäft der große Renner,
sofort ausverkauft, so dass unser Kontinent, der alte, bislang noch
darben musste.
Aber - warte nur balde - diesmal wird der E-Book-Leser auch bei
Ihnen unterm Weihnachtsbaum liegen.
Das elegante, etwa
taschenbuchgroße Display - vom TÜV Rheinland
prüfgesiegelt und von führenden
Augenoptikern als extrem augenschonend zertifiziert,- wird Sie
begeistern!
Es ist pappendeckeldick,
blendfrei und wesentlich lesefreundlicher als Papier.
Umblättern per Fingertipp.
Wer blind ist oder einfach nur seine Augen schonen will, kann sich per
Funk und Kopfhörer die Texte
von populären Schauspielern ins Ohr säuseln lassen. Sloterdijk beispielsweise. Oder Feuchtgebiete.
Daumendruck. Ganz
einfach also. Sämtliche Neuerscheinungen können Sie online
herunterladen.
1000 Bücher auf 192 Megabyte.
Gegen eine kleine Gebühr - versteht sich. Die käme dann
mitsamt den Einsparungen von Brillen,
Kontaktlinsen und anderen Sehhilfen direkt den Not leidenden Verlagen
und Medienkonzernen zu Gute.
Gerade Sie als Literatur-User
würden profitieren. Ihre Wohnung könnte endlich von alten
Schwarten befreit
und entstaubt werden, durch das Freiräumen von Regalen,
Bücherschränken und Bibliotheken würde
neuer Wohnraum gewonnen. Spinnen, Milben, Bücherwürmer,
Bakterien wird der Garaus gemacht,
die Konjunktur gespritzt, die Volksgesundheit gefördert.
Aber ich gerate ins
Schwärmen.
Eines Tages - die Entwickler
in Hongkong arbeiten bereits daran -
wird der Elektroreader sogar leichter als Luft sein.
Wir werden aufpassen müssen, dass er uns nicht davon fliegt.
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